{"id":2663,"date":"2018-11-01T13:16:02","date_gmt":"2018-11-01T12:16:02","guid":{"rendered":"http:\/\/rollhaeuser.de\/?p=2663"},"modified":"2019-01-25T10:11:02","modified_gmt":"2019-01-25T09:11:02","slug":"zu-den-reaktionen-auf-sarr-savoy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rollhaeuser.de\/index.php\/zu-den-reaktionen-auf-sarr-savoy\/","title":{"rendered":"Zu den Reaktionen auf Sarr\/Savoy"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Die Restitution des afrikanischen Kulturerbes&#8220; lautet der Titel des hei\u00df diskutierten Reports, den B\u00e9n\u00e9dicte Savoy und Felwine Sarr f\u00fcr Pr\u00e4sident Macron erstellt haben. Es ist eine Handlungsempfehlung, die im Untertitel darauf hinweist, worum es ihnen dabei im Grunde geht: &#8222;F\u00fcr eine neue Ethik der Beziehungen.&#8220; Das jedoch scheint hierzulande nicht verstanden zu werden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2501\" src=\"https:\/\/rollhaeuser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Titel_Rapport-425x620.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"364\" srcset=\"https:\/\/rollhaeuser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Titel_Rapport-425x620.jpg 425w, https:\/\/rollhaeuser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Titel_Rapport.jpg 634w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/p>\n<h3>Sarr\/Savoy und die Phalanx der Wei\u00dfen Herren<\/h3>\n<p>Die ersten hiesigen Reaktionen auf den Sarr\/Savoy-Report sind so niederschmetternd wie wenig \u00fcberraschend. Und als ob es darum ginge, alle Klischees zu bedienen, ist es die Phalanx der Wei\u00dfen Herren, die mit aufgestellten Nackenhaaren gegen den vermeintlichen Feind ins Feld zieht, statt die Empfehlungen als das zu begreifen, was sie sind: ein Vorschlag f\u00fcr eine Neugestaltung der kulturellen Beziehungen zum Globalen S\u00fcden.<\/p>\n<p>Klaus Dieter Lehmann, Pr\u00e4sident des Goethe-Instituts und derjenige, dem Berlin das neugebaute Schloss mit dem Humboldt Forum wesentlich zu \u201everdanken\u201c hat, erkl\u00e4rt R\u00fcckgaben kurzerhand zu Ablasshandel, den er selbstverst\u00e4ndlich ablehnt. Er verlangt zudem eine europ\u00e4ische L\u00f6sung, eine L\u00f6sung also, von der allen klar ist, dass damit wieder ein paar Jahre oder Jahrzehnte ohne praktische Konsequenzen ins Land gehen werden. Und auch Klaus Bredekamp und Hermann Parzinger, zwei der ehemaligen Gr\u00fcndungsintendanten des Humboldt Forums, folgen einmal mehr den alten Impulsen und wehren die Handlungsaufforderung von Sarr und Savoy als feindlichen Angriff ab.<\/p>\n<p>Die Argumente allerdings unterscheiden sich. Klaus Bredekamp versteigt sich im Deutschlandfunk zur Behauptung, das deutsche Sammeln sei \u201ebis in die Kolonialzeit hinein\u201c einer \u201eaufkl\u00e4rerischen Tradition\u201c geschuldet, \u201edie sich insbesondere in den deutschen Regionen ausgebildet\u201c habe, und wird sich damit gewiss Freunde bei der AFD machen. Geleugnet wird, dass zu dieser Aufkl\u00e4rung auch die K\u00e4lte und Schizophrenie geh\u00f6rt, die es erm\u00f6glichte, die Menschen in den Kolonien mit gr\u00f6\u00dfter Brutalit\u00e4t zu niederzumachen, w\u00e4hrend man ihre materiellen Erzeugnisse zu Hunderttausenden pl\u00fcnderte, um sie dann zu systematisieren, aufzubewahren und angeblich hoch zu sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Parzinger dagegen hat den Report offenbar gar nicht richtig gelesen, denn er behauptet, dass gefordert werde, \u201egrunds\u00e4tzlich alle Kulturg\u00fcter aus Afrika\u201c zur\u00fcckzugeben. Das aber ist nicht der Fall. Zur\u00fcckgegeben werden soll allerdings, was unrechtm\u00e4\u00dfig in hiesige H\u00e4nde gelangt ist. Und ja, mit Unrecht ist dabei auch moralisches Unrecht gemeint, ein Unrecht, das der strukturellen Asymmetrie in den Beziehungen zwischen Kolonialisierten und Kolonialherren erw\u00e4chst.<\/p>\n<p>Parzinger er\u00f6ffnet dann gleich die n\u00e4chste falsche Front: \u201eWir haben uns an unseren Partnern in Afrika, Asien oder Ozeanien zu orientieren, nicht umgekehrt.\u201c Als ob jemand gefordert habe, dass wir alles auf Lkws oder in Flugzeuge packen, zur\u00fcckschicken und den Herkunftsgesellschaften vor die F\u00fc\u00dfe kippen: Return to Sender. Hingegen fordern Sarr und Savoy, dass erst mal diejenigen Objekte zur\u00fcckgegeben werden, bei denen der Unrechtskontext eindeutig ist und f\u00fcr die bereits R\u00fcckgabeforderungen bestehen. Gleichzeitig sollten Listen erstellt werden von allem, was w\u00e4hrend der Kolonialzeit in hiesige Museen geschleppt wurde. Und das, daran besteht kein Zweifel, macht den weitaus gr\u00f6\u00dften Teil ihrer afrikanischen Best\u00e4nde aus. Diese Listen werden den Herkunftsgesellschaften oder \u2013communities feierlich \u00fcberreicht, so der Vorschlag, damit diese dann entscheiden k\u00f6nnen, was im Weiteren geschehen soll.<\/p>\n<p>Es geht Sarr und Savoy also um Transparenz der Best\u00e4nde sowie darum, dass wir unsere Eigentumsanspr\u00fcche an den Werken, so weit sie in Unrechtskontexten angeeignet wurden, aufgeben. Denn nur mit dieser unserer Bereitschaft erkennen wir das Unrecht an, das der Aneignung vorausging bzw. sich in ihr und damit in den Objekten ausdr\u00fcckt. Und genau dies birgt auch ein Potential f\u00fcr eine neue Ethik der Beziehungen, wie sie es im Untertitel benennen, oder Heilung, um mal ein gro\u00dfes Wort zu benutzen.<\/p>\n<p>Dass mit dem R\u00fcckgabeangebot nicht nur bei uns, die wir uns dadurch mit unserer kolonialen Vergangenheit auseinandersetzen m\u00fcssen, sondern auch in den sogenannten Herkunftsgesellschaften Reflexionsprozesse ausgel\u00f6st werden, weil am Ende schlie\u00dflich sie entscheiden m\u00fcssen, was sie mit den Objekten tun m\u00f6chten, macht den Restitutionsprozess so fruchtbar. Und ja, das kann dort durchaus zu Konflikten f\u00fchren, ebenso wie die Frage der Restitution auch hier zu heftigen Kontroversen f\u00fchrt. Aber es scheint hierzulande noch immer \u00fcblich, den Herkunftsgesellschaften diese Reflexions- und Diskussionsf\u00e4higkeit nicht zuzutrauen. Auch darin zeigt sich das Fortbestehen kolonialen Denkens.<\/p>\n<p>Restitution ist aber nicht nur deshalb eine hochgradig symbolische Geste, weil sie vergangenes Unrecht anerkennt und &#8211; durchaus im Wissen, dass das nicht wirklich geht &#8211; wiedergutzumachen versucht. Restitution steht auch daf\u00fcr, welche Art von Beziehung zu den L\u00e4ndern des Globalen S\u00fcdens wir in der Gegenwart suchen. Daher kn\u00fcpfen sich daran selbstverst\u00e4ndlich auch ganz aktuelle Themen wie Flucht, Migration, das Recht auf Bewegungsfreiheit \u2013 Themen, die bisher aus der Museumsdebatte komplett herausgehalten wurden.<\/p>\n<p>Dabei setzt schon ein Begriff wie Shared Heritage, der hierzulande immer wieder bem\u00fcht wird, um Restitutionen zu umgehen, genau diese Themen unmittelbar auf die Tagesordnung. Denn wie soll ein Erbe geteilt werden, solange die eine Seite auf Grund verweigerter Visa gar keine Chance erh\u00e4lt, Ihr Erbe dort zu betrachten, wo es zur Zeit festgehalten wird?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn Hermann Parzinger behauptet, die Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz praktiziere die Zusammenarbeit mit den Herkunftsl\u00e4ndern \u201ebereits seit geraumer Zeit\u201c, dann unterschl\u00e4gt er, dass sich die SPK erst unter massivem \u00f6ffentlichem Druck bereitgefunden hat, bei der Zusammenarbeit mit einigen wenigen Herkunftsl\u00e4ndern &#8211; f\u00fcr eine immer unbestimmt ferne Zukunft &#8211; auch R\u00fcckgaben zumindest zu erw\u00e4gen. Weil diese Bereitschaft zur Restitution jedoch von einer Bereitschaft zur Zusammenarbeit der anderen Seite abh\u00e4ngig gemacht wird, reproduziert man auch dabei einmal mehr koloniale Verh\u00e4ltnisse. Wie sonst glaubt man von den Beraubten erwarten zu k\u00f6nnen, dass sie nicht einfach die Herausgabe des gestohlenen Guts verlangen, sondern kooperieren, um sich dadurch als \u201ew\u00fcrdige\u201c, d. h. brave Verhandlungspartner zu beweisen.<\/p>\n<p>Doch Parzinger und Co. wollen weiter die Rahmenbedingungen des Dialogs zu diktieren versuchen. Dabei st\u00fcnde gerade unseren Institutionen, die seit mehr als hundert Jahren das geraubte kulturelle Erbe der \u201eanderen\u201c in ihren Museen und Kellern bunkern, Gro\u00dfz\u00fcgigkeit gut zu Gesicht. Der v\u00f6llige Mangel an Empathie f\u00fcr diejenigen, denen im Namen der \u201eZivilisation\u201c alles genommen wurde und die nun auf eine neue, eine gerechtere Art von Beziehungen setzen, ist erstaunlich.<\/p>\n<p>Denn Sarr und Savoy \u201ereduzieren die Frage der Vers\u00f6hnung\u201c eben nicht auf \u201eR\u00fcckgaben aller Kulturg\u00fcter\u201c, wie Parzinger behauptet. Es ist dies der immer gleiche Versuch der hiesigen Tonangeber, den vermeintlichen Gegner durch Unterstellungen zu delegitimieren und sich so einer ernsthaften Auseinandersetzung in der Sache zu entziehen. Diese Taktik der Delegitimierung gilt nicht anders f\u00fcr die von ihm erhobene Forderung nach einer internationalen Kommission unabh\u00e4ngiger Fachleute, denn diese impliziert, dass B\u00e9n\u00e9dicte Savoy und Felwine Sarr weder unabh\u00e4ngig noch Fachleute seien. Die Wahrheit ist: weil ihm die Empfehlungen von Sarr und Savoy nicht genehm sind, fordert der Pr\u00e4sident der SPK kurzerhand eine weitere Kommission, deren Zusammensetzung er dann &#8211; wie schon beim Beirat des Humboldt Forums &#8211; zusammen mit Gleichgesinnten selbst bestimmt.<\/p>\n<p>Die Phalanx der Wei\u00dfen Herren begreift nicht, dass es hier nicht um feindliche Angriffe, sondern um Vorschl\u00e4ge geht, die in Abstimmung mit vielen Repr\u00e4sentanten der afrikanischen Seite formuliert wurden, um die ethnologischen Museen zu dekolonisieren. Die Unf\u00e4higkeit, sachlich auf diese Empfehlungen zu reagieren, zeugt nicht nur von Rachegel\u00fcsten gegen\u00fcber der vermeintlichen Verr\u00e4terin B\u00e9n\u00e9dicte Savoy, sondern auch von tiefer Missachtung der vielen AfrikanerInnen, die f\u00fcr den Report konsultiert wurden und ihn fast uneingeschr\u00e4nkt begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Was aber soll vor diesem Hintergrund ein Raum der Stille, den sich Parzinger im Humboldt Forum vorstellen kann, um der Gr\u00e4uel des Kolonialismus zu gedenken? Wie soll dieser Vorschlag anders verstanden werden als ein Alibiman\u00f6ver, ein erneuter Versuch, sich der eigentlich notwendigen Geste einmal mehr zu entziehen: das koloniale Unrecht durch die Aufgabe des Eigentumsanspruchs an den dabei erbeuteten Werken anzuerkennen?<\/p>\n<p>Und wo vor allem bleibt der Widerspruch all der MuseumsleiterInnen und KuratorInnen, die sich bisher \u2013 leider auch nicht \u00fcberraschend \u2013 fast ausnahmslos in Schweigen h\u00fcllen und damit zu Komplizen der Wei\u00dfen Suprematisten machen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die Restitution des afrikanischen Kulturerbes&#8220; lautet der Titel des hei\u00df diskutierten Reports, den B\u00e9n\u00e9dicte Savoy und Felwine Sarr f\u00fcr Pr\u00e4sident Macron erstellt haben. Es ist eine Handlungsempfehlung, die im Untertitel darauf hinweist, worum es ihnen dabei im Grunde geht: &#8222;F\u00fcr eine neue Ethik der Beziehungen.&#8220; Das jedoch scheint hierzulande nicht verstanden zu werden. Sarr\/Savoy und &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Zu den Reaktionen auf Sarr\/Savoy\" class=\"read-more button\" href=\"https:\/\/rollhaeuser.de\/index.php\/zu-den-reaktionen-auf-sarr-savoy\/#more-2663\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Zu den Reaktionen auf Sarr\/Savoy\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":2716,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-2663","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-haus-der-weissen-herren","masonry-post","generate-columns","tablet-grid-50","mobile-grid-100","grid-parent","grid-50","no-featured-image-padding"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rollhaeuser.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2663","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rollhaeuser.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rollhaeuser.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rollhaeuser.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rollhaeuser.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2663"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/rollhaeuser.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2663\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2864,"href":"https:\/\/rollhaeuser.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2663\/revisions\/2864"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rollhaeuser.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2716"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rollhaeuser.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2663"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rollhaeuser.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2663"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rollhaeuser.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2663"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}