{"id":2644,"date":"2018-03-15T13:01:14","date_gmt":"2018-03-15T12:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/rollhaeuser.de\/?p=2644"},"modified":"2019-01-25T11:08:00","modified_gmt":"2019-01-25T10:08:00","slug":"macgregor-in-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rollhaeuser.de\/index.php\/macgregor-in-der-zeit\/","title":{"rendered":"MacGregor in der &#8222;Zeit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-2118\" src=\"https:\/\/rollhaeuser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Chimamanda_Adichie-701x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"365\" srcset=\"https:\/\/rollhaeuser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Chimamanda_Adichie-701x1024.jpg 701w, https:\/\/rollhaeuser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Chimamanda_Adichie-424x620.jpg 424w, https:\/\/rollhaeuser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Chimamanda_Adichie-768x1122.jpg 768w, https:\/\/rollhaeuser.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Chimamanda_Adichie.jpg 894w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/p>\n<p>Am 28. M\u00e4rz 2018 erschien in der Zeit ein Artikel von Neil MacGregor, einem der drei sogenannten Gr\u00fcndungsintendanten des Humboldt Forums, der <a href=\"https:\/\/www.humboldtforum.com\/de\/storys\/es-gibt-nicht-die-eine-geschichte\">hier<\/a> nachzulesen ist.<\/p>\n<p>MacGregor beklagt, dass vom Humboldt Forum immer nur eine Geschichte erz\u00e4hlt wird, n\u00e4mlich die der Raubkunst. Und er sieht sich damit in einer vergleichbaren Position wie die gro\u00dfartige Chimamanda Ngozi Adichie, die immer wieder auf ihre Hautfarbe bzw. ihre Herkunft, d. h. als schwarze oder afrikanische Frau und Autorin angesprochen wird.<\/p>\n<p>\u201eMir geht\u2019s genau wie dir\u201c &#8211; sich als wei\u00dfer Mann in herausgehobener Machtposition ausgerechnet mit einer schwarzen Frau gleichzusetzen, die eine Stigmatisierung kritisiert, die ihr widerf\u00e4hrt, ist an sich schon etwas gewagt. Dies umso mehr, als dem Humboldt Forum von Kritikern seit Jahren vorgeworfen wird, dass es ausschlie\u00dflich von wei\u00dfen M\u00e4nnern gef\u00fchrt wird und eben nicht &#8211; zum Beispiel &#8211; von einer schwarzen Frau.<\/p>\n<p>Mehr aber erstaunt die Larmoyanz, mit der sich einer der Intendanten von \u201eEuropas gr\u00f6\u00dftem Kulturprojekt\u201c zum Opfer einer eindimensionalen Erz\u00e4hlung stilisiert. Denn die Single Story, die vom Humboldt Forum erz\u00e4hlt wird, haben sich seine Macher &#8211; anders als Chimamanda Adichie, die sich Herkunft und Hautfarbe nicht ausgesucht hat &#8211; ausschlie\u00dflich selbst zu verdanken.<\/p>\n<p>Der Vergleich mit Frau Adichie w\u00e4re eher nachvollziehbar, wenn diese ihr Schwarzsein oder ihre afrikanischen Wurzeln permanent leugnen oder kleinreden w\u00fcrde: ich bin doch gar nicht so schwarz! Oder: ich habe doch nur ein paar Jahre in Afrika, dann aber in den USA gelebt, bin also keine Afrikanerin. Das liegt ihr jedoch fern. Niemand muss sie auf ihr Schwarzsein hinweisen, und genau das ist das Anliegen, das sie in <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=D9Ihs241zeg\">ihrer ber\u00fchmt gewordenen Rede<\/a> formuliert.<\/p>\n<p>Ganz anders das Personal des Humboldt Forums. Das leugnet seit Beginn des Projekts, dass die Kolonialgeschichte einen wesentlichen Teil der Sammlungsgeschichte ausmacht. Dass in der kritischen \u00d6ffentlichkeit umso mehr der koloniale Erwerbungskontext, der f\u00fcr \u00fcber 90% der afrikanischen Sammlungen gilt, thematisiert wird, kann beim besten Willen nicht verwundern.<\/p>\n<p>Ein Vergleich mag das verdeutlichen: ein R\u00e4uber, der seine Tat leugnet oder verharmlost, d\u00fcrfte sich kaum wundern, wenn sich die Menschen um ihn her schwer tun, von seinen anderen, guten Seiten zu erz\u00e4hlen. Erst wenn er seine Verfehlung akzeptiert und den Schaden nach Kr\u00e4ften wieder gutgemacht oder in irgend einer anderen Form daf\u00fcr geb\u00fc\u00dft hat, wird er wieder die Chance haben, mit all seinen Qualit\u00e4ten wahrgenommen zu werden.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcndungsintendanten jedoch wollen diesen Schritt \u00fcberspringen. Sie m\u00f6chten lieber nur von Humboldt und Leibniz sprechen, vom Guten und Sch\u00f6nen, das sie uns bescheren werden, und das andere, nun ja, vielleicht irgendwann mal, alles zu seiner Zeit.<\/p>\n<p>Den drei M\u00e4nnern, die das Projekt leiten, gelingt es offenbar nicht zu verstehen, dass viele der Artefakte, die sie ausstellen wollen, f\u00fcr andere Menschen nicht sch\u00f6ne, fremdartige oder interessante, sondern traumatische Objekte, und vielleicht auch mehr als das, n\u00e4mlich Wesen sind. Diese Objekte oder Wesen stehen, so lange sie hier in Deutschland in Gewahrsam sind, f\u00fcr ein bestimmtes und noch immer bestehendes Dominanzverh\u00e4ltnis des Westens zum Globalen S\u00fcden. Und dieses Dominanzverh\u00e4ltnis setzt sich fort, wenn das weitere Schicksal der Objekte allein im und vom Westen entschieden wird. Das erkl\u00e4rt auch die Ungeduld all derer, die sich in irgend einer Form mit dem Globalen S\u00fcden verbunden f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Anders als auch von MacGregor behauptet, ist Multiperspektivit\u00e4t deshalb auch kein Ausweg aus dem Dilemma, so sch\u00f6n es sich erst mal anh\u00f6ren mag. Es geht um mehr als das Hinzuf\u00fcgen einer weiteren Perspektive durch ausgesuchte Protagonisten, die dann, je nach Gustus der Leitung, einen mehr oder weniger prominenten Stellenwert in der Ausstellung erh\u00e4lt. Diese Multiperspektivit\u00e4t dr\u00fcckt sich n\u00e4mlich um die Frage, wer die Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber jene Dinge hat, von denen neue oder andere Geschichten erz\u00e4hlt werden sollen.<\/p>\n<p>So lange die Eigentums- und Besitzanspr\u00fcche an den Objekten vom Westen nicht zur Disposition gestellt werden, ist diese Multiperspektivit\u00e4t vor allem ein Versuch, durch neue Geschichten \u00fcber die Objekte einen narrativen Mehrwert zu erzielen, der die Attraktivit\u00e4t der eigenen Sammlungen erh\u00f6ht. Wollte man diesen Verdacht entkr\u00e4ften, bliebe nur eins: all die Dinge, deren koloniale Herkunft unbestreitbar ist, aus dem Gewahrsam freizulassen und den Herkunftsgesellschaften zur Verf\u00fcgung zu stellen. Wenn diese dann entscheiden, dass die Dinge hierzulande gut aufgehoben sind, wird sich niemand dar\u00fcber beschweren. Kurz: nur wenn Multiperspektivit\u00e4t auch die Bereitschaft einschlie\u00dft, die Dinge aus der Hand und zur\u00fcckzugeben, ist sie mehr als ein Versuch, Ver\u00e4nderung zu simulieren mit dem Ziel, die Gem\u00fcter zu beruhigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 28. M\u00e4rz 2018 erschien in der Zeit ein Artikel von Neil MacGregor, einem der drei sogenannten Gr\u00fcndungsintendanten des Humboldt Forums, der hier nachzulesen ist. MacGregor beklagt, dass vom Humboldt Forum immer nur eine Geschichte erz\u00e4hlt wird, n\u00e4mlich die der Raubkunst. 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