Tatort: Ein hoffnungsloser Fall

 
 
Aus gegebenem Anlass erweitere ich heute mal das Haus der Weißen Herren und nenne es: Land der Weißen Menschen.
Dabei ist der Tatort eigentlich nicht mein Ding. Aber dieser versprach immerhin ein Novum in der deutschen Fernsehgeschichte: eine schwarze Kommissarin. Allein, die Tatort-Wirklichkeit schafft es einmal mehr, selbst bescheidene Erwartungen zunichte zu machen.
Florence Kasumba muss als Kommissarin Anais Schmitz die Rolle der Verstockten und Unbeherrschten spielen und gefühlte zwei Drittel des Films mit grimmigem Gesicht wie geladen durchs Bild stapfen. Erst gegen Ende kommt sie, gezähmt von der weißen Kollegin, allmählich runter und zeigt sogar ein erstes Lächeln.
Während normalen Menschen bei Problemen aber geholfen werden kann, ist sie ein hoffnungsloser Fall. Der verdatterten Kollegin, der sie gerade eine heftige Ohrfeige verpasst hat, erklärt sie sich so: „Mangelnde Impulskontrolle. Hab’ schon jede Menge Therapien gemacht, nutzt nichts.“
Womit die Dinge schön an ihrem Platz sind: hier die weiße Kommissarin, durchaus auch mit Emotionen, die aber im üblichen Rahmen bleiben. Dort aber die wilde und beim besten Willen nicht zivilisierbare schwarze Frau, das Biest.
Nun könnte man sagen, Kommissare und Kommissarinnen sind auch nur Menschen, und alle haben ihr Päckchen zu tragen. Das gehört bekanntlich zum Konzept des Tatorts. Aber es ist ein Problem, wenn dieses Päckchen bei der ersten schwarzen Kommissarin genau dem entspricht, was das weiße Vorurteil der schwarzen Frau immer schon zuschreibt. Der koloniale Topos der triebhaften Schwarzen, in der weiblichen Variante sexualisiert und „heiß“, in der männlichen ebenfalls sexualisiert und/oder brutal und aggressiv, wird im Jahr 2019 zwar gendermäßig ein wenig umgerührt, weil Kommissarin Schmitz hier nicht als Sexbombe inszeniert wird. Dafür trägt sie deutlich maskuline Züge und kriegt ihre Wut einfach nicht unter Kontrolle.
Ist das rassistisch? Ja. Ist das intendiert? Wahrscheinlich nicht. Doch es bestätigt jahrhundertealte Vorurteile. Von daher macht die Freude über den Mut des NDR, eine schwarze Frau als Kommissarin zu besetzen, schnell dem Zorn darüber Platz, wie diese Chance ins Gegenteil, in eine Karikatur verkehrt wird.
Genau das kommt heraus, wenn Schwarzsein in Deutschland von weißen Drehbuchautoren und weißen Redaktionen inszeniert wird. Weil sie immer noch glauben, solche Themen auch ohne die Mitarbeit derer, die davon betroffen sind, abhandeln zu können.
So ist dieser Tatort vor allem ein Aufruf an die öffentlich-rechtlichen Sender: Schafft Vielfalt! Diversifiziert Euch! Nehmt euch ein Beispiel an Großbritannien, wo jedes Projekt mindestens vier Diversity-Kriterien erfüllen muss, um überhaupt in die Auswahl zu gelangen. Sonst müsst ihr euch nicht wundern, wenn der heutige Altersdurchschnitt eurer Konsument*innen (62 Jahre) so lange weiter ansteigt, bis sie alle unter der Erde und keine Zuschauer*innen mehr übrig sind.

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