Zu den Reaktionen auf Sarr/Savoy

„Die Restitution des afrikanischen Kulturerbes“ lautet der Titel des heiß diskutierten Reports, den Bénédicte Savoy und Felwine Sarr für Präsident Macron erstellt haben. Es ist eine Handlungsempfehlung, die im Untertitel darauf hinweist, worum es ihnen dabei im Grunde geht: „Für eine neue Ethik der Beziehungen.“ Das jedoch scheint hierzulande nicht verstanden zu werden.

Sarr/Savoy und die Phalanx der Weißen Herren

Die ersten hiesigen Reaktionen auf den Sarr/Savoy-Report sind so niederschmetternd wie wenig überraschend. Und als ob es darum ginge, alle Klischees zu bedienen, ist es die Phalanx der Weißen Herren, die mit aufgestellten Nackenhaaren gegen den vermeintlichen Feind ins Feld zieht, statt die Empfehlungen als das zu begreifen, was sie sind: ein Vorschlag für eine Neugestaltung der kulturellen Beziehungen zum Globalen Süden.

Klaus Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts und derjenige, dem Berlin das neugebaute Schloss mit dem Humboldt Forum wesentlich zu „verdanken“ hat, erklärt Rückgaben kurzerhand zu Ablasshandel, den er selbstverständlich ablehnt. Er verlangt zudem eine europäische Lösung, eine Lösung also, von der allen klar ist, dass damit wieder ein paar Jahre oder Jahrzehnte ohne praktische Konsequenzen ins Land gehen werden. Und auch Klaus Bredekamp und Hermann Parzinger, zwei der ehemaligen Gründungsintendanten des Humboldt Forums, folgen einmal mehr den alten Impulsen und wehren die Handlungsaufforderung von Sarr und Savoy als feindlichen Angriff ab.

Die Argumente allerdings unterscheiden sich. Klaus Bredekamp versteigt sich im Deutschlandfunk zur Behauptung, das deutsche Sammeln sei „bis in die Kolonialzeit hinein“ einer „aufklärerischen Tradition“ geschuldet, „die sich insbesondere in den deutschen Regionen ausgebildet“ habe, und wird sich damit gewiss Freunde bei der AFD machen. Geleugnet wird, dass zu dieser Aufklärung auch die Kälte und Schizophrenie gehört, die es ermöglichte, die Menschen in den Kolonien mit größter Brutalität zu niederzumachen, während man ihre materiellen Erzeugnisse zu Hunderttausenden plünderte, um sie dann zu systematisieren, aufzubewahren und angeblich hoch zu schätzen.

Parzinger dagegen hat den Report offenbar gar nicht richtig gelesen, denn er behauptet, dass gefordert werde, „grundsätzlich alle Kulturgüter aus Afrika“ zurückzugeben. Das aber ist nicht der Fall. Zurückgegeben werden soll allerdings, was unrechtmäßig in hiesige Hände gelangt ist. Und ja, mit Unrecht ist dabei auch moralisches Unrecht gemeint, ein Unrecht, das der strukturellen Asymmetrie in den Beziehungen zwischen Kolonialisierten und Kolonialherren erwächst.

Parzinger eröffnet dann gleich die nächste falsche Front: „Wir haben uns an unseren Partnern in Afrika, Asien oder Ozeanien zu orientieren, nicht umgekehrt.“ Als ob jemand gefordert habe, dass wir alles auf Lkws oder in Flugzeuge packen, zurückschicken und den Herkunftsgesellschaften vor die Füße kippen: Return to Sender. Hingegen fordern Sarr und Savoy, dass erst mal diejenigen Objekte zurückgegeben werden, bei denen der Unrechtskontext eindeutig ist und für die bereits Rückgabeforderungen bestehen. Gleichzeitig sollten Listen erstellt werden von allem, was während der Kolonialzeit in hiesige Museen geschleppt wurde. Und das, daran besteht kein Zweifel, macht den weitaus größten Teil ihrer afrikanischen Bestände aus. Diese Listen werden den Herkunftsgesellschaften oder –communities feierlich überreicht, so der Vorschlag, damit diese dann entscheiden können, was im Weiteren geschehen soll.

Es geht Sarr und Savoy also um Transparenz der Bestände sowie darum, dass wir unsere Eigentumsansprüche an den Werken, so weit sie in Unrechtskontexten angeeignet wurden, aufgeben. Denn nur mit dieser unserer Bereitschaft erkennen wir das Unrecht an, das der Aneignung vorausging bzw. sich in ihr und damit in den Objekten ausdrückt. Und genau dies birgt auch ein Potential für eine neue Ethik der Beziehungen, wie sie es im Untertitel benennen, oder Heilung, um mal ein großes Wort zu benutzen.

Dass mit dem Rückgabeangebot nicht nur bei uns, die wir uns dadurch mit unserer kolonialen Vergangenheit auseinandersetzen müssen, sondern auch in den sogenannten Herkunftsgesellschaften Reflexionsprozesse ausgelöst werden, weil am Ende schließlich sie entscheiden müssen, was sie mit den Objekten tun möchten, macht den Restitutionsprozess so fruchtbar. Und ja, das kann dort durchaus zu Konflikten führen, ebenso wie die Frage der Restitution auch hier zu heftigen Kontroversen führt. Aber es scheint hierzulande noch immer üblich, den Herkunftsgesellschaften diese Reflexions- und Diskussionsfähigkeit nicht zuzutrauen. Auch darin zeigt sich das Fortbestehen kolonialen Denkens.

Restitution ist aber nicht nur deshalb eine hochgradig symbolische Geste, weil sie vergangenes Unrecht anerkennt und – durchaus im Wissen, dass das nicht wirklich geht – wiedergutzumachen versucht. Restitution steht auch dafür, welche Art von Beziehung zu den Ländern des Globalen Südens wir in der Gegenwart suchen. Daher knüpfen sich daran selbstverständlich auch ganz aktuelle Themen wie Flucht, Migration, das Recht auf Bewegungsfreiheit – Themen, die bisher aus der Museumsdebatte komplett herausgehalten wurden.

Dabei setzt schon ein Begriff wie Shared Heritage, der hierzulande immer wieder bemüht wird, um Restitutionen zu umgehen, genau diese Themen unmittelbar auf die Tagesordnung. Denn wie soll ein Erbe geteilt werden, solange die eine Seite auf Grund verweigerter Visa gar keine Chance erhält, Ihr Erbe dort zu betrachten, wo es zur Zeit festgehalten wird?

 

Wenn Hermann Parzinger behauptet, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz praktiziere die Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern „bereits seit geraumer Zeit“, dann unterschlägt er, dass sich die SPK erst unter massivem öffentlichem Druck bereitgefunden hat, bei der Zusammenarbeit mit einigen wenigen Herkunftsländern – für eine immer unbestimmt ferne Zukunft – auch Rückgaben zumindest zu erwägen. Weil diese Bereitschaft zur Restitution jedoch von einer Bereitschaft zur Zusammenarbeit der anderen Seite abhängig gemacht wird, reproduziert man auch dabei einmal mehr koloniale Verhältnisse. Wie sonst glaubt man von den Beraubten erwarten zu können, dass sie nicht einfach die Herausgabe des gestohlenen Guts verlangen, sondern kooperieren, um sich dadurch als „würdige“, d. h. brave Verhandlungspartner zu beweisen.

Doch Parzinger und Co. wollen weiter die Rahmenbedingungen des Dialogs zu diktieren versuchen. Dabei stünde gerade unseren Institutionen, die seit mehr als hundert Jahren das geraubte kulturelle Erbe der „anderen“ in ihren Museen und Kellern bunkern, Großzügigkeit gut zu Gesicht. Der völlige Mangel an Empathie für diejenigen, denen im Namen der „Zivilisation“ alles genommen wurde und die nun auf eine neue, eine gerechtere Art von Beziehungen setzen, ist erstaunlich.

Denn Sarr und Savoy „reduzieren die Frage der Versöhnung“ eben nicht auf „Rückgaben aller Kulturgüter“, wie Parzinger behauptet. Es ist dies der immer gleiche Versuch der hiesigen Tonangeber, den vermeintlichen Gegner durch Unterstellungen zu delegitimieren und sich so einer ernsthaften Auseinandersetzung in der Sache zu entziehen. Diese Taktik der Delegitimierung gilt nicht anders für die von ihm erhobene Forderung nach einer internationalen Kommission unabhängiger Fachleute, denn diese impliziert, dass Bénédicte Savoy und Felwine Sarr weder unabhängig noch Fachleute seien. Die Wahrheit ist: weil ihm die Empfehlungen von Sarr und Savoy nicht genehm sind, fordert der Präsident der SPK kurzerhand eine weitere Kommission, deren Zusammensetzung er dann – wie schon beim Beirat des Humboldt Forums – zusammen mit Gleichgesinnten selbst bestimmt.

Die Phalanx der Weißen Herren begreift nicht, dass es hier nicht um feindliche Angriffe, sondern um Vorschläge geht, die in Abstimmung mit vielen Repräsentanten der afrikanischen Seite formuliert wurden, um die ethnologischen Museen zu dekolonisieren. Die Unfähigkeit, sachlich auf diese Empfehlungen zu reagieren, zeugt nicht nur von Rachegelüsten gegenüber der vermeintlichen Verräterin Bénédicte Savoy, sondern auch von tiefer Missachtung der vielen AfrikanerInnen, die für den Report konsultiert wurden und ihn fast uneingeschränkt begrüßen.

Was aber soll vor diesem Hintergrund ein Raum der Stille, den sich Parzinger im Humboldt Forum vorstellen kann, um der Gräuel des Kolonialismus zu gedenken? Wie soll dieser Vorschlag anders verstanden werden als ein Alibimanöver, ein erneuter Versuch, sich der eigentlich notwendigen Geste einmal mehr zu entziehen: das koloniale Unrecht durch die Aufgabe des Eigentumsanspruchs an den dabei erbeuteten Werken anzuerkennen?

Und wo vor allem bleibt der Widerspruch all der MuseumsleiterInnen und KuratorInnen, die sich bisher – leider auch nicht überraschend – fast ausnahmslos in Schweigen hüllen und damit zu Komplizen der Weißen Suprematisten machen?

 

 

 

 

 

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