MacGregor in der „Zeit“


Am 28. März 2018 erschien in der Zeit ein Artikel von Neil MacGregor, einem der drei sogenannten Gründungsintendanten des Humboldt Forums, der hier nachzulesen ist.

MacGregor beklagt, dass vom Humboldt Forum immer nur eine Geschichte erzählt wird, nämlich die der Raubkunst. Und er sieht sich damit in einer vergleichbaren Position wie die großartige Chimamanda Ngozi Adichie, die immer wieder auf ihre Hautfarbe bzw. ihre Herkunft, d. h. als schwarze oder afrikanische Frau und Autorin angesprochen wird.

„Mir geht’s genau wie dir“ – sich als weißer Mann in herausgehobener Machtposition ausgerechnet mit einer schwarzen Frau gleichzusetzen, die eine Stigmatisierung kritisiert, die ihr widerfährt, ist an sich schon etwas gewagt. Dies umso mehr, als dem Humboldt Forum von Kritikern seit Jahren vorgeworfen wird, dass es ausschließlich von weißen Männern geführt wird und eben nicht – zum Beispiel – von einer schwarzen Frau.

Mehr aber erstaunt die Larmoyanz, mit der sich einer der Intendanten von „Europas größtem Kulturprojekt“ zum Opfer einer eindimensionalen Erzählung stilisiert. Denn die Single Story, die vom Humboldt Forum erzählt wird, haben sich seine Macher – anders als Chimamanda Adichie, die sich Herkunft und Hautfarbe nicht ausgesucht hat – ausschließlich selbst zu verdanken.

Der Vergleich mit Frau Adichie wäre eher nachvollziehbar, wenn diese ihr Schwarzsein oder ihre afrikanischen Wurzeln permanent leugnen oder kleinreden würde: ich bin doch gar nicht so schwarz! Oder: ich habe doch nur ein paar Jahre in Afrika, dann aber in den USA gelebt, bin also keine Afrikanerin. Das liegt ihr jedoch fern. Niemand muss sie auf ihr Schwarzsein hinweisen, und genau das ist das Anliegen, das sie in ihrer berühmt gewordenen Rede formuliert.

Ganz anders das Personal des Humboldt Forums. Das leugnet seit Beginn des Projekts, dass die Kolonialgeschichte einen wesentlichen Teil der Sammlungsgeschichte ausmacht. Dass in der kritischen Öffentlichkeit umso mehr der koloniale Erwerbungskontext, der für über 90% der afrikanischen Sammlungen gilt, thematisiert wird, kann beim besten Willen nicht verwundern.

Ein Vergleich mag das verdeutlichen: ein Räuber, der seine Tat leugnet oder verharmlost, dürfte sich kaum wundern, wenn sich die Menschen um ihn her schwer tun, von seinen anderen, guten Seiten zu erzählen. Erst wenn er seine Verfehlung akzeptiert und den Schaden nach Kräften wieder gutgemacht oder in irgend einer anderen Form dafür gebüßt hat, wird er wieder die Chance haben, mit all seinen Qualitäten wahrgenommen zu werden.

Die Gründungsintendanten jedoch wollen diesen Schritt überspringen. Sie möchten lieber nur von Humboldt und Leibniz sprechen, vom Guten und Schönen, das sie uns bescheren werden, und das andere, nun ja, vielleicht irgendwann mal, alles zu seiner Zeit.

Den drei Männern, die das Projekt leiten, gelingt es offenbar nicht zu verstehen, dass viele der Artefakte, die sie ausstellen wollen, für andere Menschen nicht schöne, fremdartige oder interessante, sondern traumatische Objekte, und vielleicht auch mehr als das, nämlich Wesen sind. Diese Objekte oder Wesen stehen, so lange sie hier in Deutschland in Gewahrsam sind, für ein bestimmtes und noch immer bestehendes Dominanzverhältnis des Westens zum Globalen Süden. Und dieses Dominanzverhältnis setzt sich fort, wenn das weitere Schicksal der Objekte allein im und vom Westen entschieden wird. Das erklärt auch die Ungeduld all derer, die sich in irgend einer Form mit dem Globalen Süden verbunden fühlen.

Anders als auch von MacGregor behauptet, ist Multiperspektivität deshalb auch kein Ausweg aus dem Dilemma, so schön es sich erst mal anhören mag. Es geht um mehr als das Hinzufügen einer weiteren Perspektive durch ausgesuchte Protagonisten, die dann, je nach Gustus der Leitung, einen mehr oder weniger prominenten Stellenwert in der Ausstellung erhält. Diese Multiperspektivität drückt sich nämlich um die Frage, wer die Verfügungsgewalt über jene Dinge hat, von denen neue oder andere Geschichten erzählt werden sollen.

So lange die Eigentums- und Besitzansprüche an den Objekten vom Westen nicht zur Disposition gestellt werden, ist diese Multiperspektivität vor allem ein Versuch, durch neue Geschichten über die Objekte einen narrativen Mehrwert zu erzielen, der die Attraktivität der eigenen Sammlungen erhöht. Wollte man diesen Verdacht entkräften, bliebe nur eins: all die Dinge, deren koloniale Herkunft unbestreitbar ist, aus dem Gewahrsam freizulassen und den Herkunftsgesellschaften zur Verfügung zu stellen. Wenn diese dann entscheiden, dass die Dinge hierzulande gut aufgehoben sind, wird sich niemand darüber beschweren. Kurz: nur wenn Multiperspektivität auch die Bereitschaft einschließt, die Dinge aus der Hand und zurückzugeben, ist sie mehr als ein Versuch, Veränderung zu simulieren mit dem Ziel, die Gemüter zu beruhigen.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.