Haus der Weißen Herren – Blog

Die Diskussionen zum Humboldt Forum im Berliner Schloss beschäftigen mich weiter. Und damit das keine allzu einseitige Angelegenheit bleibt, will ich mich daran auch selbst weiter beteiligen. Hier auf dieser Seite, zunächst mal ohne festen Rhythmus, eher nach Bedarf und Gelegenheit.

Natürlich sind ernst gemeinte Beiträge, Hinweise und Kommentare immer willkommen.

Das Schweigen der Museen

Am 1. Juni 2018 hielt Bénédicte Savoy in Paris diese wunderbare Einführungsrede zur  Unesco-Konferenz “Circulation of Cultural Property and Shared Heritage: What New Perspectives?”. Auf französisch mit englischen Untertiteln.

Ein Fisch in Washington D.C.

Auch im Smithsonian Museum for African Art findet sich eine schöne Sammlung von Benin Bronzen. Und auch hier, wie so oft, kein Wort zu den Umständen des Erwerbs, sieht man von der Erwähnung der großzügigen amerikanischen Spender ab, die diese Stücke dem Smithsonian überlassen haben. Auf welchen Wegen die Werke in den Besitz dieser Menschen gelangt waren, bedarf offenbar keiner Erklärung.

Aber dann fand ich diesen Mudfish, von dem im nebenstehenden Text, dessen Autor*in nicht genannt wird, folgendes berichtet wird: „In Benin art this serves as an appropiate symbol for the aggressive and transformative power of the divine king.“ Na gut.

Viel bemerkenswerter fand ich allerdings die kleine Messinggravur auf dem hölzernen Fuß, die keinen Hehl aus der Herkunft des Objekts zu machen versucht: „Benin 1897“. Das war das Jahr der Vernichtung von Benin City durch britische Truppen, die sich im Recht sahen, alles zu plündern, was irgendwie von Wert schien, bevor die Stadt völlig zerstört wurde.

Die Selbstverständlichkeit, mit der die Kolonialgeschichte bis heute weitergeführt und beschwiegen wird, ist immer wieder schockierend und beschämend.

—-


Podiumsgespräch mit Bénédicte Savoy

Am 17. 4. 2018 fand in der Berlinischen Galerie ein Podiumsgespräch statt, vom Spiegel veranstaltet. Auf dem Podium: die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy mit Kulturredakteurin Ulrike Knöfel. Das Publikum: gediegen. Das Gespräch: sehr gut.

Außer der ersten Frage, die sich auf Bénédicte Savoys Austritt aus dem internationalen Beirat des Humboldt Forums bezog, habe ich das ganze Gespräch aufgezeichnet. Hier steht es zum Download bereit:

Spiegelgespräch_Bénédicte_Savoy  | 2018 | 163 MB | ZIP

—-

Unbox

 

Zwei Artikel in der taz

Ein Hinweis auf den ersten und zweiten Teil eines Textes zum Humboldt Forum, den ich kürzlich für die taz geschrieben habe. Ich beschreibe darin das Leugnen der kolonialen Herkunft eines großen Teils der Sammlungen, die Verharmlosung und all die schönen Worte, denen bisher kaum Taten folgen, was die praktische Auseinandersetzung mit diesem Erbe angeht. Der dritte Teil des Textes sollte am 17. 4 folgen, erschien aber nicht. Gründe wurden mir nicht genannt. 

—-

Neil MacGregor in der „Zeit“

Am 28. März erschien in der Zeit ein Artikel von Neil MacGregor, einem der drei sogenannten Gründungsintendanten des Humboldt Forums, der hier nachzulesen ist.

MacGregor beklagt, dass vom Humboldt Forum immer nur eine Geschichte erzählt wird, nämlich die der Raubkunst. Und er sieht sich damit in einer vergleichbaren Position wie die großartige Chimamanda Ngozi Adichie, die immer wieder auf ihre Hautfarbe bzw. ihre Herkunft, d. h. als schwarze oder afrikanische Frau und Autorin angesprochen wird.

„Mir geht’s genau wie dir“ – sich als weißer Mann in herausgehobener Machtposition ausgerechnet mit einer schwarzen Frau gleichzusetzen, die eine Stigmatisierung kritisiert, die ihr widerfährt, ist an sich schon etwas gewagt. Dies umso mehr, als dem Humboldt Forum von Kritikern seit Jahren vorgeworfen wird, dass es ausschließlich von weißen Männern geführt wird und eben nicht – zum Beispiel – von einer schwarzen Frau.

Mehr aber erstaunt die Larmoyanz, mit der sich einer der Intendanten von „Europas größtem Kulturprojekt“ zum Opfer einer eindimensionalen Erzählung stilisiert. Denn die Single Story, die vom Humboldt Forum erzählt wird, haben sich seine Macher – anders als Chimamanda Adichie, die sich Herkunft und Hautfarbe nicht ausgesucht hat – ausschließlich selbst zu verdanken.

Der Vergleich mit Frau Adichie wäre eher nachvollziehbar, wenn diese ihr Schwarzsein oder ihre afrikanischen Wurzeln permanent leugnen oder kleinreden würde: ich bin doch gar nicht so schwarz! Oder: ich habe doch nur ein paar Jahre in Afrika, dann aber in den USA gelebt, bin also keine Afrikanerin. Das liegt ihr jedoch fern. Niemand muss sie auf ihr Schwarzsein hinweisen, und genau das ist das Anliegen, das sie in ihrer berühmt gewordenen Rede formuliert.

Ganz anders das Personal des Humboldt Forums. Das leugnet seit Beginn des Projekts, dass die Kolonialgeschichte einen wesentlichen Teil der Sammlungsgeschichte ausmacht. Dass in der kritischen Öffentlichkeit umso mehr der koloniale Erwerbungskontext, der für über 90% der afrikanischen Sammlungen gilt, thematisiert wird, kann beim besten Willen nicht verwundern.

Ein Vergleich mag das verdeutlichen: ein Räuber, der seine Tat leugnet oder verharmlost, dürfte sich kaum wundern, wenn sich die Menschen um ihn her schwer tun, von seinen anderen, guten Seiten zu erzählen. Erst wenn er seine Verfehlung akzeptiert und den Schaden nach Kräften wieder gutgemacht oder in irgend einer anderen Form dafür gebüßt hat, wird er wieder die Chance haben, mit all seinen Qualitäten wahrgenommen zu werden.

Die Gründungsintendanten jedoch wollen diesen Schritt überspringen. Sie möchten lieber nur von Humboldt und Leibniz sprechen, vom Guten und Schönen, das sie uns bescheren werden, und das andere, nun ja, vielleicht irgendwann mal, alles zu seiner Zeit.

Den drei Männern, die das Projekt leiten, gelingt es offenbar nicht zu verstehen, dass viele der Artefakte, die sie ausstellen wollen, für andere Menschen nicht schöne, fremdartige oder interessante, sondern traumatische Objekte, und vielleicht auch mehr als das, nämlich Wesen sind. Diese Objekte oder Wesen stehen, so lange sie hier in Deutschland in Gewahrsam sind, für ein bestimmtes und noch immer bestehendes Dominanzverhältnis des Westens zum Globalen Süden. Und dieses Dominanzverhältnis setzt sich fort, wenn das weitere Schicksal der Objekte allein im und vom Westen entschieden wird. Das erklärt auch die Ungeduld all derer, die sich in irgend einer Form mit dem Globalen Süden verbunden fühlen.

Anders als auch von MacGregor behauptet, ist Multiperspektivität deshalb auch kein Ausweg aus dem Dilemma, so schön es sich erst mal anhören mag. Es geht um mehr als das Hinzufügen einer weiteren Perspektive durch ausgesuchte Protagonisten, die dann, je nach Gustus der Leitung, einen mehr oder weniger prominenten Stellenwert in der Ausstellung erhält. Diese Multiperspektivität drückt sich nämlich um die Frage, wer die Verfügungsgewalt über jene Dinge hat, von denen neue oder andere Geschichten erzählt werden sollen.

So lange die Eigentums- und Besitzansprüche an den Objekten vom Westen nicht zur Disposition gestellt werden, ist diese Multiperspektivität vor allem ein Versuch, durch neue Geschichten über die Objekte einen narrativen Mehrwert zu erzielen, der die Attraktivität der eigenen Sammlungen erhöht. Wollte man diesen Verdacht entkräften, bliebe nur eins: all die Dinge, deren koloniale Herkunft unbestreitbar ist, aus dem Gewahrsam freizulassen und den Herkunftsgesellschaften zur Verfügung zu stellen. Wenn diese dann entscheiden, dass die Dinge hierzulande gut aufgehoben sind, wird sich niemand darüber beschweren. Kurz: nur wenn Multiperspektivität auch die Bereitschaft einschließt, die Dinge aus der Hand und zurückzugeben, ist sie mehr als ein Versuch, Veränderung zu simulieren mit dem Ziel, die Gemüter zu beruhigen.

—-

Radiofeature

Hier mein Feature zum Humboldt Forum zum herunterladen:

Haus der Weißen Herren – Humboldt Forum, Shared Heritage und der Umgang mit dem Anderen  | 2017 | 108 MB | ZIP

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.