Besuch in Brüssel

Incarnations hieß die Ausstellung von Werken aus der Sindika Dokolo Collection, kuratiert vom Sammler selbst zusammen mit dem südafrikanischen Künstler Kendell Geers, die am 6. Oktober 2019 im Bozard in Brüssel endete.
Am Abend des 4. Oktober fand unter dem Titel „African Art as Philosophy“ ein Gespräch zwischen dem senegalesischen Philosophen und Autor des gleichnamigen Buchs Souleyman Bachir Diagne und dem Sammler selbst statt, moderiert von der Philosophin Nadia Yala Kisukidi, die eine der Leiterinnen der nächsten Biennale von Kinshasa sein wird.
„Reaprenons nous, les Africains, a nous regarder!“ hatte Sindika Dokolo bei der Eröffnung als Devise ausgegeben, und ich denke, die Ausstellung hatte das Zeug dazu. Für mich persönlich war es nicht nur die erste Ausstellung mit klassischer und zeitgenössischer Kunst aus Afrika, sondern auch die erste Ausstellung mit klassischer afrikanischer Kunst, die mir keinerlei Unbehagen machte. Denn hier wurden nicht, wie sonst üblich, „die Anderen“ ausgestellt. Ganz im Gegenteil: die Herstellung von Beziehungen zwischen alten und heutigen Werken, die hier versucht wurde, so selbstbewusst wie unbekümmert, öffnete neue, frische Perspektiven und Gedankenräume, die ganze Gestaltung war höchst effektiv und überraschend, kurz: ein Vergnügen.

Zum abendlichen Podiumsgespräch: Nach einer kurzen Einführung von Paul Dujardin, dem Leiter des Bozar, deren Anfang hier fehlt, beginnt das Gespräch, das hier in voller Länge zur Verfügung steht – auf französisch allerdings. (Nur bei den ersten Ausführungen von Sindika Dokolo fehlen ein paar Sätze, wegen einer technischen Korrektur.)
Podiumsgespräch Brüssel| 2019 | 123 MB | ZIP

Am nächsten Tag nach Tervuren, zum Musée Royal de l’Afrique Central. Erst mit der Metro, dann mit der Tram, einer alten Tram, die irgendwann einsam durch den nassen Wald kurvte, so dass man sich fast wie im Kongo fühlen konnte.
Das Museum, Ende 2018 mit großem Pomp nach jahrelanger Renovierung und Umgestaltung wiedereröffnet, empfängt mit einem supermodernen, hellen Gebäude, von dem aus die Besucher, vorbei an einem riesigen Einbaum, durch einen langen, unterirdischen Gang in den alten Prunkbau geführt werden.
Konzeptionell wiederholte sich diese Bewegung von neu nach alt allerdings auch, blieb doch das Versprechen, etwas grundsätzlich Neues zu präsentieren, ganz und gar unerfüllt. Die lauthals verkündete Bereitschaft, afrikanische Perspektiven einzubeziehen, blieb auf halber Strecke stecken: einmal mehr ist überall zu sehen, zu spüren, dass die kuratorische Macht nicht geteilt, nicht aus den Händen gegeben wurde, dass die Einbeziehung der „Anderen“ nicht konstitutiv war für das Projekt, sich stattdessen auf punktuelle Zusammenarbeit beschränkte. Am Ende bleibt es doch wieder bei der alten Teilung in „wir“ (womit die weißen Europäer gemeint sind) und „die“. Es reicht eben nicht, neben den alten Artefakten zeitgenössische Videos zu zeigen, in denen heutige Menschen von Geburt, Hochzeit oder Zauberei erzählen.
Stattdessen beweist die neue Ausstellung vor allem, dass die Institutionen sich grundsätzlich ändern müssen, wenn sich die Ergebnisse ändern sollen. Ohne wirkliche Diversität der gesamten Institution bis in die Leitungsebene bleibt es bei neuem Wein in alten Schläuchen.

Nach den „Incarnations“ war der Abgrund, der Tervuren von einem zeitgemäßen Umgang mit den Sammlungen trennt, umso weniger zu übersehen. Man darf gespannt sein, ob das Humboldt Forum über diese halbherzige Öffnung hinaus gelangt. Bisher ist nicht davon auszugehen.

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